Ranking hat Vorrang vor Nutzerinteressen

Ich habe folgende Kopie einer Mail an die Leitende Bibliotheksdirektorin erhalten:

Sehr geehrte Frau Siebert,

ich möchte meinen deutlichen Unwillen über die Reduzierung auf 2 mögliche Verlängerungen kund tun.

Es ist nicht zu erkennen, daß dies im Sinne der Benutzer stattfindet, und die Benutzerfreundlichkeit sollte die oberste bzw. einzige Priorität im Betriebsablauf einer Bibliothek darstellen.

Für den Fall, daß ich ein Buch länger als 3*28 Tage benötige, werde ich es auch in Zukunft direkt wiederausleihen, d.h. es steht auch dann nicht an seinem Platz im Regal. Für den Fall, daß ein Kommilitone selbiges Buch benötigt und dieses also
vormerkt, gelangt es spätestens nach Ablauf des aktuellen Ausleihzyklus in seine Hände, da ja im Fall einer Vormerkung keine Verlängerung möglich ist, ob es nun die erste, zweite oder die neunte wäre. Es ist also für einen anderen Nutzer irrelevant, ob die Zahl der Verlängerungen reduziert wird und erhöht mitnichten seine Chancen ein bestimmtes Buch zu erhalten, es sei denn, er merkt es vor (s.o.).

Für diejenigen, die dann aber trotz anhaltender Notwendigkeit des Rückgriffs auf ein Buch dennoch nach jeweils 3*28 Tagen mit dem/den Buch/Büchern zur Bibliothek kommen müssen, obwohl es eben nicht anderweitig gebraucht wird, dürfte das Procedere kaum einen Sinn machen, sondern im Gegenteil eher eine Last darstellen, dies im wahrsten Sinne des Wortes falls es sich um “dicke Wälzer” handelt, kurz es ist für diese Kommilitonen extrem nutzerunfreundlich.

Nebenbei stellt sich hier die interessante Frage, wie mit den Ausleihen von behinderten Nutzern verfahren werden soll? Diese werden offenkundig von der geplanten Reduzierung in weitaus stärkerem Maße betroffen sein, da sie weitere Wege und größere Mühen auf sich nehmen müssen, um zur Bibliothek zu gelangen und dies in der Regel wie oben beschrieben lediglich um die Bücher sofort wieder mitnehmen zu können… (Dies Alles, wo diese Gruppe sowieso bereits strukturell benachteiligt
ist und in aller Regel sowohl einen erhöhten Zeit- als auch finanziellen Aufwand im täglichen Leben zu meistern hat, um Schritt halten zu können.)

Ich sprach den Punkt der Wiederausleihe bereits an. Dabei setzte ich stillschweigend voraus, daß es auch in Zukunft möglich sein würde, wie bisher mit den Büchern zur Rückgabetheke zu kommen, und sie ebendort im Vorgang der Rückgabe gleichzeitig wiederauszuleihen. Die Frage: Wird dies auch in Zukunft so möglich sein?

Falls nicht dürfte das einen unsinnigen Mehraufwand für alle Beteiligten bedeuten:

Zunächst müßten die (wenigen verbliebenen) Bibliotheksangestellten die sicher nicht geringe Arbeit verrichten die Bücher jeweils wieder im Haus an den richtigen Stellen einzustellen, in dieser Zeit könnten sie Sinnvolleres tun.
Im nächsten Schritt muß der (gegebenenfalls behinderte) Nutzer, der am Vortag das Buch abgegeben hat, erneut den (gegebenenfalls) weiten Weg zur Bibliothek beschreiten, nur um sich das Buch wiederholen zu können.

So weit, so schlecht.

Wenn ich jetzt aber noch darauf stoße, daß es sich bei dieser benutzer *un*freundlichen Maßnahme im Kern nur darum handelt in einem typischerweise mal wieder von Bertelsmann initiierten “Ranking” weiter vorne stehen zu können…

http://www.hbz-nrw.de/angebote/dbs/bix
http://www.bix-bibliotheksindex.de/index.php?id=79

…dann kriegt das ganze natürlich plötzlich schon einen Sinn!

*Nur leider eben keinesfalls für die Nutzer* und für eben die ist die Bibliothek doch *eigentlich* da?!?

Plötzlich macht es auch einen gewissen Sinn, daß Vormerkungen nicht mehr, wie es lange Zeit der Fall gewesen ist, gratis sind,
was ebenso sicher einen abschreckenden Effekt hat, wie genau dies auch beabsichtigt sein dürfte, wenn ich feststelle, daß Vormerkungen innerhalb des “Rankings” negativ bewertet werden:

http://www.bix-bibliotheksindex.de/ index.php?id=76&no_cache=1&file=97&uid=118
Seite 6

Die Reduzierung der Verlängerungsmöglichkeit generiert dann, da ja all die Studierenden nach wie vor die Bücher über einen längeren Zeitraum benötigen, als ihnen nun zugestanden werden soll, künstlich in die Höhe getriebene Zahlen von (Wieder-)Ausleihen, die dann als Erstausleihen maskiert werden… denn nur die sind wieder gut fürs “Ranking”, für mehr aber auch nicht.

Ich finde, daß es ist nicht Aufgabe einer Bibliothek ist im “Rattenrennen” um vordere Plätze in mehr als fragwürdigen
Bewertungssystemen zu punkten.
Studierende profitieren lediglich von Benutzerfreundlichkeit und nicht von reinen Marketingtricks, die um der reinen Außenwirkung Willen installiert werden.
Bitte sorgen sie dafür, daß es der Bibliothek um das *Sein* geht und nicht um den bloßen *Schein*

mit freundlichem Gruß
Max Muster *)

*) Name ist AStAWatch bekannt

Zum Hintergrund:

Vor kurzem wurde an alle Studierenden folgende E-Mail geschickt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ab dem 1. April 2007 wird die Anzahl der möglichen
Verlängerungen auf zwei reduziert, falls die Bücher
nicht bereits von anderer Seite vorgemerkt wurden. Für
Dozierende und wissenschaftlich Beschäftigte der
Heinrich-Heine-Universität besteht die Möglichkeit
der Verlängerung maximal fünf Mal.

Damit wird die sofortige Verfügbarkeit häufig
gebrauchter Literatur deutlich erhöht, da mehr Literatur
im Bestand vorhanden sein wird und nicht mehr vorgemerkt zu
werden braucht.

Bitte bedenken Sie, dass diese Regelung alle nach dem
1. April 2007 ablaufenden Leihfristen betrifft.

Mit freundlichen Gruessen
Ihre Universitäts- und Landesbibliothek
im Auftrag Dr. Crass (Dezernent Benutzung)